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SHELLY

 Hundedame Shelly in verträumter Pose mit Beißkorb und meiner zu beruhigendem Streicheln ansetzenden Hand über ihrem Kopf.

 

Das ist der Name der Protagonistin des heutigen Beitrages. Sie ist eine 4jährige Mischlingshündin, die seit einem Monat bei einer sehr langjährigen Freundin in Wien lebt. Ihre Lebensgeschichte ist sehr traurig und hart, denn sie wurde schwerst mißhandelt und dann von einem Obdachlosen mit seinem letzten Geld freigekauft. Weil dieser Held alt und derzeit etwas krank ist, holte Shelly meine Freundin zu sich. Die beiden kennen sich aus der Zeit, in der die beiden von meiner Freundin, die Sozialarbeiterin ist, betreut wurde. Diese Betreuung sollte eine Hilfestellung sein, dass der Herr lernt zu verhindern, dass die Maus nicht ohne Beißkorb unterwegs ist. Soweit so gut.

Die beiden Damen machten Urlaub im Wiener Wald in Begleitung von Sinba. Er ist ein in die Jahre gekommener Golden Retriever. So kam die Idee, dass ich mich in das Rudel geselle und auch einen Tapetenwechsel dadurch mir gönne. Gesagt, getan. Am Montag nach 11 Stunden Lagertag, mich in den Zuggesetzt und hingefahren.

In Hütteldorf am Bahnsteig wurde ich von Shelly und ihren Menschen in Empfang genommen. Das war alles noch für die junge Dame in Ordnung. Jedoch im Auto erklärte sie mir mit einem sehr klaren und deutlichen Knurrer, dass es nicht in ihrem Interesse sei mich mitzunehmen. Da wurde mir schon bewusst, dass es auf alle Fälle anders gekommen war, als von uns gedacht. Denn bis zu mir hatte sie alle aus der Familie ohne Angriffe angenommen. Seit ihrem Einzug war auch noch keine Freundin zu Besuch bei den beiden Damen, somit hatte niemand mit dieser Reaktion gerechnet.

Beim Haus angekommen, welches wirklich mitten im Wald liegt, begannen meine intensiven Selbsterfahrungstage. Shelly hätte mich gleich im Vorzimmer zweimal gehabt, wenn nicht der Beißkorb gewesen wäre. Somit verlief der restliche Abend bis in die Morgenstunden damit, dass das Mädl im Vorhaus lag und ich nicht ohne Kontrolle den Raum verlassen konnte.

Neuer Tag, neuer Versuch. Wir nutzten den schönen Tag, um auf der Terrasse abzuhängen. Nach und nach kontaktete sie mit mir. Ich konnte merken, dass sie mir zu vertrauen versuchte. Nach geraumer Zeit machte ich mit ihr einen Deal aus. Der lautete, dass sie ihren Kopf länger auf meinen Oberschenkel legen sollte, wenn sie von mir berührt werden wollte. Sie tat das auch sehr deutlich und sichtbar. Ohne weiteres ließ sie sich von mir streicheln und berühren. Sogar auf ihren Bauch durfte ich greifen, was ein sehr großer Beweis bei Hunden ist, dass sie einem Menschen vertrauen. Daraufhin nahmen wir ihr den Beißkorb ab, weil sie auch schon begonnen hatte ihn bei jeder Gelegenheit abzustreifen und zu zerbeissen. Als ob sie sagen würde: "Wir brauchen ihn nicht und der nervt mich einfach nur."

Stunden vergingen bis zum ersten Vorfall. Der geschah im Haus. Ich arbeitete in der Küche und wollte zu meiner Freundin zum Tisch gehen. Da ich so und so immer in Räumen mit Tieren und kleinen Kindern die Füße nicht hebe, weiche Schuhe trage und in Zeitlupe mich bewege, dachte ich mir nichts. Plötzlich schnappte sie nach meiner Hand. Ich erschrak so sehr, denn das war ein erster derartige Biss. Mein Glück war, dass ich irgend einen Reflex hatte, der größere Verletzungen verhindert hat. Ab diesem Augenblick war mir klar, dass ich auf meine Hände und auf mein Gesicht aufpassen musste. Keine Sekunde war ich böse auf Shelly, denn ich konnte so deutlich fühlen, dass sie das nicht wollte, sondern einfach aus einer sehr großen Angst heraus gemacht hatte. Sie ging sogar freiwillig in ihr Bettchen.

Als sich die Situation etwas beruhigt hatte und wieder etwas Entspannung zu fühlen war, kam sie zu mir und kontaktete wieder. Ich gab ihr paar Leckerchen zum Zeichen unserer weiteren Freundschaft. Jedoch nach dem sie der Meinung war, dass ich ihr noch welche zu geben hätte, schnappte sie neuerlich nach mir. Sie erwischte meine Schlabberhose und ich fühlte nur leicht ihre Zähne an meinem Knie. Das war der Moment, wo ich echt etwas sauer wurde. Da ich gerade in die Küche unterwegs war, um mir die Hände zu waschen und Wasser zu trinken, fand sie die nächste Gelegenheit mir endgültig ihre Kraft zu präsentieren. Sie erwischte mich oberhalb meines Fußknöchels. Da wusste ich, dass es wirklich weh tat, aber auszuhalten ist für mich. Ab diesem Zeitpunkt war zwischen uns einfach vorerst mal Kühle angesagt. Sie bekam den Beißkorb rauf und meine Freundin war völlig von der Rolle. Es war klar, dass es ohne Beißkorb nicht mehr bei dieser Runde möglich sein würde. Auch die zwei anderen Besucher in dieser Woche hätte sie sich geholt.

Warum ich das alles so genau schreibe hat den Grund, weil ich in Shelly eine meiner Meisterinnen bekommen habe. Durch sie durfte ich mich den Gefühlen "Hilflosigkeit" und "Angst" neuerlich stellen. Sie zeigte mir wieder welchen Schaden schlimme Erfahrungen auslösen können. Auch durfte ich wieder sehr deutlich miterleben, wie es einfach funktioniert mit Tieren zu sprechen. Immer und immer faszieniert es mich aufs Neue. Dann diese Kraft, die Tiere auf mich haben. Hier möchte ich anmerken, dass ich bis vor 20 Jahren unendlich panische Angst vor jedem Tier in meiner Nähe hatte. Fiel in eine Todesstarre aus Angst. Das Gefühl war damals echt derart schlimm, dass ich vollstes Verständnis für jedes Lebewesen habe, das sich vor irgend etwas fürchtet.

Freitag war mein letzter Tag. Da durfte ich vorbei gehen ohne von ihr angeknurrt zu werden. Sie blieb auch in ihrem Bettchen ohne Beißkorb liegen, wenn ich mich aufs Klo bewegte. Am Schluss rannte sie sogar mit abgestreiften Beißkorb mit einem vollen Zunder an mir vorbei, denn sie war unerlaubterweise Spazieren gegangen. Wir haben uns in Freundschaft für diesmal getrennt. Bis zur nächsten Begegnung hat sie wieder einiges gelernt und dann stelle ich mich ihr und meinen Gefühlen aufs Neue.

In diesem Sinne:

FREUNDSCHAFTEN SIND DA, UM ZU LERNEN!!!

Gülfide & TEAM